Stammtischparolen zum Thema Diskriminierung und Ausgrenzung kontern

Hast du das schon erlebt? Du sitzt im Zug, stehst im Stadion, läufst im Supermarkt, bezahlst in der Kneipe oder wartest auf den Bus. Im nächsten Moment hörst du wie ein Satz den Weg in deine Ohren findet, den du nie hören wolltest…

„Bei so vielen Ausländern und Flüchtlingen fühle ich mich wie ein Fremder im eigenen Land.“

„Die sind doch eh krimineller als Deutsche.“

„Ihr nehmt uns die Arbeitsplätze weg.“

„Das sind doch alles Wirtschaftsflüchtlinge.“

„Die Flüchtlinge sind gar nicht wirklich in Gefahr in ihrer Heimat, sie plündern unseren Sozialstaat. Wieso haben die alle ein Smartphone und Markenklamotten?“

Was du gehört hast, macht dich einfach nur sprachlos, oder wütend, oder traurig.Vielleicht fühlst du dich auch einfach nur überfordert. Überfordern beschreibt laut Duden den Vorgang, „zu hohe Anforderungen an jemanden, sich [bzw.] etwas stellen“. Es rasen einem Gedanken durch den Kopf wie „Was sage ich jetzt?“, „Warum fällt mir hierzu nichts ein?“, „Bin ich zu schlecht informiert?“, „Wie kann einer so einen Mist erzählen?“ … Charakteristisch für Stammtischparolen ist ihre Einfachheit, Plumpheit, Pauschalisierung und ihr zumeist negativer Charakter. Dabei werden Vorurteile genutzt bzw. ausgedrückt und die Anderen bzw. Fremden verurteilt und abgewertet. Das eigene Ich bzw. Wir werden bei den Thesen und der Abwertung des Fremden oft aufgewertet. Ein großer Trugschluss ist, dass als Gesprächspartner fälschlicherweise der Eindruck entsteht, man bräuchte Fachwissen, um verbal dagegenhalten zu können bzw. um die Thesen zu entkräften.

Im Folgenden soll euch nun in ein paar Punkten erklärt werden, wie du strategisch mit Stammtischparolen umgehen kannst:

1.Nachfragen:

Wenn du nachfragst kannst du deinem Gegenüber zeigen, dass du ihm bzw. ihr zuhörst. Gegenfragen können den Gesprächspartner zum Nachdenken bringen und belegen, wie wenig Substanz deren Aussagen haben. Aufpassen solltest du beim sofortigen infrage Stellen der Parolen, da dies sonst eher zu Streit und trotzigen Reaktionen führen kann. Ein Beispielfrage könnte sein „Wie genau meinst du das?“ oder „Hast du das selber schon erlebt?“…

2.Hintergrundwissen:

Fakten aus Statistiken oder Studien können dir hierbei helfen, während du aber nicht anfangen solltest die anderen zu belehren. Stelle dein Gegenüber nicht als unwissend oder dumm dar.

3.Ironie:

Mit Ironie kannst du Stammtischparolen entkräften und ihnen die Dramatik nehmen. Auch als Auflockerung kann diese dienen, wobei es wichtig ist, damit vorsichtig umzugehen. Ironie kann auch provozieren und eine Überreaktion des Gesprächspartners hervorrufen.

4.Widersprüche aufzeigen:

Wann können Widersprüche aufgezeigt werden? Wenn die anderen, fremden oder Ausländer*innen verunglimpft werden, hat das Gegenüber selbst oftmals Wurzeln oder Freunde aus einem anderem Land. Berührungspunkte aus dem verschmähten Land, wie z.B. Konsumgüter, Urlaube, Filme und Essen können genutzt werden, um Widersprüche aufzuzeigen und Abneigungen abzubauen.

5.Das „Die“ auflösen:

Wenn über „Die“ negativ gesprochen wird, soll erstmal klargestellt werden, um wen es sich handelt. Ob die Ausländer*innen oder die Flüchtlinge: Beides sind Verallgemeinerungen, die durch kluges Nachfragen entweder konkretisiert oder komplett abgebaut werden sollten. Je allgemeiner formuliert wird, desto schwieriger ist es, bei Fragen auf die vielfältige und breite Gruppe einzugehen. Falsche Urteile sollen so verhindert werden.

6.Emotionen ansprechen:

Vorurteile und Parolen kommen oftmals erst durch ihre charakteristischen Emotionen so unumstößlich daher. Entkräften lassen diese sich also nicht nur durch Fakten, sondern auch durch das Herausnehmen von Emotionen. Diese sollten angesprochen werden

7.Ich-Botschaften senden und Gefühle äußern:

Wichtig ist auch, dem Gegenüber nochmals aufzuzeigen, was überhaupt gesagt wurde. In einer Ich-Botschaft kann dann klargestellt werden, was für Gefühle die Parole in einem auslöst. Dabei können die zum Ausdruck gebrachten Gefühle noch mehr darstellen, wie sehr du dich von der Aussage des Gegenübers distanzierst. Aus der Ehrlichkeit und Verletzlichkeit, die du möglicherweise gezeigt hast, kannst du vorschlagen, auf welcher Basis das Gespräch weitergeführt werden kann, ganz ohne emotionale Verletzungen.

8.Eigene Erfahrungen:

Eigene positive Erfahrungen, die den Abfälligkeiten in Stammtischparolen entgegenwirken, kannst du ohne Probleme teilen. Erlebtes und kleine Anekdoten können dir also helfen.

9.Unterstützung suchen:

Suche dir Gleichgesinnte bwz. umstehende Personen. Bei Miteinbeziehen anderer Parteien kannst du wertvolle Unterstützung argumentativ aber auch emotional erfahren. Je mehr Meinungen der Parole gegenüberstehen, desto mehr verliert diese ihr Gewicht.

10.Die „weiche Wand“:

Die weiche Wand beschreibt die Ablehnung, das Gespräch weiterzuführen bzw. auf dieses einzugehen. „Weich“, da dies gewaltfrei geschehen soll. Das Gefühl der Überforderung kann vorkommen und so ist es nichts Falsches, wenn du dich dadurch selbst schützt. Zudem kannst du erstmal Zeit gewinnen und später wieder in das Gespräch einsteigen oder auch emotional Abstand gewinnen.

Egal ob Kassel, Hanau oder Halle. Nicht erst seit den Jahren 2019 und 2020 ist rechtsradikaler Terror in Deutschland eine Gefahr. Doch die Vielzahl und die Qualität der Vorfälle aus den letzten Jahren zeigt einen Trend, der ernst genommen werden sollte. Auch die Ende September erschienene

Dokumentation auf Pro7 mit dem Namen „Rechts. Deutsch. Radikal.“ unterstreicht dies. Unter anderem der Interviewpartner Stephan Kramer, Präsident des Amtes für Verfassungsschutz Thüringen, welcher klarstellt:

„Ich denke, wir sind über ein Stadium von Lausbuben und ersten Ansätzen weit hinaus. Ich muss das Ganze nicht gefährlicher beschreiben, als es ist, sondern es macht uns, glaube ich, zu Recht große Sorgen. […] Wenn ich mir die Entwicklung, gerade in den letzten fünf, sechs Jahren anschaue, muss ich offen gestehen, mache ich mir ernsthafte Sorgen um die Demokratie in unserem Land.“

Zugegeben ist es ein großer Sprung, von Stammtischparolen auf rechten Terror zu schließen. Rechtsradikale Anschläge sind, wie alle Anschläge, ob politisch motiviert oder nicht, Demokratie gefährdend. Doch ab wann wird die Gefährdung der Demokratie unterstützt? Gewisse Parolen und Aussagen verschieben die in diesen Jahren viel zitierten ‚Grenzen des Sagbaren‘. Sofern diese Grenze verschoben wird, wird die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass Parolen weniger hinterfragt, schneller aufgeschnappt und öfter rausgehauen werden. Dabei muss die Weiterverbreitung nicht einmal von Rechten praktiziert werden. Falsche Thesen und Fakten können auch von Verängstigten bzw. Uninformierten stammen, ganz egal ob diese potentielle AfD-Wähler sind oder nicht. Doch darin liegt das Problem, da diese Gruppe von Mitbürgern schnell angesteckt wird, von solchen die jene Thesen in die Welt setzen. Die AfD wird hier in diesem Kontext genannt, da sie mehr als jede andere Partei dafürsteht, diese ‚Grenze des Sagbaren‘ sowie die politische Mitte immer weiter nach rechts zu verschieben versucht. Ein schillerndes Beispiel dafür kann die Rede Alexander Gaulands (Fraktionsvorsitzender der AfD) vom 2. Juni 2016 darstellen, welcher sich damals patriotische, rechtsextreme Parolen zu eigen machte: „Aber, liebe Freunde, Hitler und die Nazis sind nur ein Vogelschiss in unserer über 1000-jährigen Geschichte.“

Ganz egal, ob dein Gegenüber Gauland heißt, ein Freund ist, Mitschüler, Arbeitskollege oder ein/e dir Fremde*r … Es lohnt sich, seine Stimme zu erheben und geht niemals darum alles perfekt zu machen. Wichtige Erfahrungen in diesem Bereich zu sammeln heißt auch, Rückschläge zu erleben. Die Erwartungen, Dinge perfekt zu machen sind hinderlich, das sagt auch Klaus-Peter Hufer (Zahlreiche Veröffentlichungen zur Bildungsarbeit gegen Rechtsextremismus, u.a. mit dem Argumentationstraining gegen Stammtischparolen) von der Uni Duisburg-Essen:

„Man darf in so einer kurzen Begegnung keine Wunderdinge erwarten. Aber das Nachdenken ist ja mit dem Ende des Gesprächs nicht zu Ende – so eine Auseinandersetzung wirkt noch nach. Wichtig ist ein authentischer Auftritt. Man muss standhaft nachfragen.“

Schließen möchte ich weniger mit den plumpen, derben Worten Luthers: „Mach’s Maul auf, sprich’s gerade aus, hör’ bald auf.”, sondern vielmehr mit Worten aus der Bibel: „Sei mutig und stark! Fürchte dich also nicht, und hab keine Angst; denn der Herr, dein Gott, ist mit dir bei allem, was du unternimmst.” (Josua 1,9)

Liebe Grüße Florian (ehem. FW in Tansania, Botschafter)

CD-Botschafter*innen sind Teil der Rückkehrer*innen-Arbeit von Christliche Dienste. Zurückgekehrte Freiwillige wurden im Rahmen eines FEB-Projektes (Förderprogramm Entwicklungspolitische Bildung durch engagement Global) zu Themen der Nachhaltigen Entwicklung fortgebildet. Das Botschafter*innen-Seminar fand im März 2020 statt und bot, neben Themeneinheiten, Raum für Vernetzung und Austausch.

Fotocredits: https://m.bpb.de/nachschlagen/lexika/das-junge-politik-lexikon/161650/stammtisch

https://bdkj.hamburg/politisch/argumente-gegen-parolen/ 

https://www.fluter.de/gegen-stammtischparolen-argumentieren

10 Strategien zum Umgang mit Stammtischparolen; 1. Auflage; Veröffentlicht im August 2017; Herausgegeben von:RE/init. e.V., TANDEM NRW -TolerANz, fördern, DEmokratie erfahren, gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit abbauen.

https://www.gq-magazin.de/entertainment/artikel/late-night-berlin-thilo-mischke-erklart-bei-klaas-heufer-umlauf-seine-doku-rechts-deutsch-radikal

https://www.afdbundestag.de/wortlaut-der-umstrittenen-passage-der-rede-von-alexander-gauland/

 

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