Bilder: Damals (von links nach rechts: Judith, Susanne, Lena, Elena, Tamara) und heute.
„Vor 20 Jahren machte ich mich mit einem großen Rucksack auf den Weg, um für ein Jahr in einem Kinderheim in Paraguay meinen Freiwilligendienst anzutreten. Wir wohnten zusammen in einer großen Hausgemeinschaft. Tag für Tag versuchten wir herauszufinden: Wer bist du? Welche Biografie hat dich zu dem gemacht, der du bist? Was für Ziele und Träume hast du für dein Leben? Mit fünf starken, klugen und lustigen Frauen habe ich in einem Kinderheim gearbeitet. Die Höhen und Tiefen, die wir dort zusammen erlebten, haben uns fest zusammengeschweißt. Wir wohnten auf sehr kleinem Raum. Unser Bett war unser einziger Rückzugsort. Gemeinsam befreiten wir unser Bad von Kakerlaken und jeden Abend 25 Mädchen von gefühlt 257 Läusen. Gemeinsam überlegten wir, wie wir diesen kleinen, zarten, verletzten Seelen Liebe geben können, auch wenn sie mit Armen und Beinen tobten. Gemeinsam weinten wir, weil wir uns so unfähig fühlten, diesen Kindern faire Grenzen zu setzen. Gemeinsam tanzten, lachten und feierten wir mit den Kids.
Seit 20 Jahren leben wir in tiefer Verbundenheit und Freundschaft zwischen Basel und Berlin und schreiben uns, was uns im Alltag bewegt und wofür wir beten können. Seit 20 Jahren feiern wir gemeinsam Silvester. Spätestens dann sehen wir uns wieder. Mittlerweile passen wir nicht mehr alle in eine Wohnung, weil wir uns fleißig vermehrt haben. Aber die Eltern meines Mannes überlassen uns zu Silvester ihr Haus, und da haben wir Platz zum Tanzen. Wir haben gemeinsam eine Zeit erlebt, die sonst keiner mit uns so erlebt hat. Diese Frauen sind wie meine Schwestern im Herzen.“
Tamara von Abendroth war CD-Freiwillige in Paraguay 2005-2006
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Tamara unterstützt uns heute als Bildungsreferentin in unseren Vorbereitungsseminaren zu den Themen „Formen und Ebenen von Diskriminierung“ und „Blick auf die eigene Prägung“. Für unser Jubiläumsjahr 2026 fragten wir sie:
Tamara, wenn Du an deinen Freiwilligendienst zurückdenkst, was kommt Dir spontan als Highlight in den Sinn?
Die Gemeinschaft vor Ort in der Herberge, das Lachen der Kinder, ihre Unbefangenheit, ihr Lebensmut allen Widerständen zum Trotz. Meine geliebten 5 Mitfreiwilligen in der Herberge, die bis heute meine besten Freunde sind.
Durch welche Erfahrung hast Du am meisten für Dein weiteres Leben mitgenommen?
Die Erfahrung, dass Glück nicht in der Ansammlung von glücklichen Momenten liegt, sondern in dem Zusammenhalt im Leid.
Wenn Du heute auf junge Leute in Deinem Umfeld blickst, für die ein Freiwilligendienst gut sein könnte, was wünscht Du Ihnen, dass sie selbst erkennen?
Das, was Jesus zu seiner Zeit schon als Rebell so deutlich gezeigt hat: Macht und Gier zerstören diese Welt. Ich kann etwas dagegen machen, wenn ich mir selbst meiner Macht und meiner Privilegien bewusstwerde und mir zuerst an meine eigene Nase fasse, immer und immer wieder. Wenn ich nicht aufhöre, mich meinen eigenen blinden Flecken zu stellen und eine Suchende bleibe.
Was möchtest Du CD für die nächsten 10 Jahre sagen?
Danke für eure großartige Arbeit. Ihr habt viele wichtige Themen in die Vorbereitung mit aufgenommen und setzt euch kritisch mit Vor- und Nachteilen des Freiwilligen Dienstes auseinander. Danke, dass ihr da so mutig die Augen aufmacht. Dafür wünsche ich euch immer wieder viel Kraft und Weisheit. Liebe Grüße, Tamara
